TRAUERPORTAL

Jeder Mensch trauert anders, jede(r) hat seinen persönlichen Umgang damit. Jede(r) Verstorbene hinterlässt seine persönliche Lücke ... und dennoch lassen sich Regelmäßigkeiten feststellen.   

„Zwar hat schon Freud (1925) über den großen Nutzen der „Trauerarbeit" - der Terminus stammt von ihm - geschrieben. Dennoch ist die Trauer ein Thema, das in der psychologischen Literatur bisher eher wenig beachtet wird, gemessen an der großen Bedeutung, die sie für unsere psychische Gesundheit hat," stellte Verena Kast fest.

Seit Anfang der 1950er-Jahre gibt es die moderne Trauerforschung - die sozialpsychologische Betrachtungsweise des Todesphänomens. Die Schweizer Psychologin Elisabeth Kübler-Ross hat dabei wesentliche Pionierarbeit geleistet. Jorgos Canakakis oder Doris Wolf sind weitere zeitgenössische Trauerforscher, auf deren Erkenntnisse die Trauer-Gesprächsbegleitung als Teil der Trauerarbeit aufbaut. Jede(r) hat versucht, den Trauerprozess in Phasen zu unterteilen, um ihn im Detail besser beschreiben und die Vorgänge erklären zu können.

Eine Möglichkeit sind jene vier Phasen von Dr. Verena Kast:

  1. Nicht wahrhaben wollen
  2. Aufbrechende Emotionen
  3. Suchen und sich trennen
  4. Neuer Selbst- und Weltbezug

Phase 1: Nicht wahrhaben wollen
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen reagieren die meisten von uns mit Schock und Verneinung. Wir können es einfach nicht fassen und deshalb „kann nicht sein, was nicht sein darf". Diese Phase kann kurz sein, aber auch Wochen, ja, sogar Monate dauern. Typische Reaktionen können Betäubung und Erstarrung, Unglauben und Leugnen des Todes, Schockgefühl und Unfähigkeit zu weinen sein.

Der Trauernde ringt verzweifelt darum, das Geschehene, das Unbegreifliche zu erfassen. Er ist wie benommen, wie von einer Wolke oder einem Nebel umhüllt, weit ab von der Realität. Es ist ihm unmöglich, klar zu denken. Die ganze Wirklichkeit auf einmal zu erfassen, kann ein Trauernder oft nicht verkraften. Deshalb schützt ihn die Natur mit einer natürlichen Form von „Betäubung".

Phase 2: Aufbrechende Emotionen
Die zweite Phase beginnt meist vier bis zwölf Wochen nach dem Tod des geliebten Menschen. Wenn sie nicht mit Medikamenten, Alkohol oder einem innerlichen Verhärten verhindert wird, ist sie die Phase der aufbrechenden Gefühle: Angst, Wut, Schmerz, Traurigkeit, Ruhelosigkeit, Verzweiflung und Schuldgefühle wechseln sich ab. Gefühle, die wir oft nicht auszudrücken gelernt haben, bilden jetzt gleichsam einen chaotischen Reigen. Während der Trauernde im Schock kaum etwas fühlt, beginnt in dieser Phase ein gewaltiger Schmerz. Er kann emotional und körperlich sehr stark sein.
 

Phase 3: Suchen und sich trennen
Die Phasen der Trauer gehen ineinander über, und jeder Mensch trauert anders. Wenn das chaotische Wechselbad der unterschiedlichen Gefühle langsamer wird und verebbt, kann die Trauer in die dritte Phase übergegangen sein. „Suchen und Sich-Trennen" nennt die Trauerpsychologie diese Zeit, in der Trauernde zum Beispiel an Örtlichkeiten gehen, an denen sich der Verstorbene oft aufgehalten hat. Oder in anderen Menschen Ähnlichkeiten mit dem Verstorbenen suchen. Oder seine Lieder hören, sein Lieblingsessen bestellen. Dieses Suchen endet jedes Mal mit der Erkenntnis, dass der Verstorbene tot ist. Über dieses Suchen und nicht Finden, das sich erneute Trennen, wird langsam der Verlust ins Leben integriert.
 

Phase 4: Neuer Selbst- und Weltbezug
In der Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs kommt der Trauernde schon besser mit dem Verlust zurecht. Er hat angefangen, ihn zu akzeptieren, kann sich vom Verstorbenen immer mehr lösen und sein Leben neu ordnen. Er findet zunehmend ein neues inneres Gleichgewicht.

Trauer lässt sich mit Wellen vergleichen. Zuerst kommen die Trauerschübe wie im Sturm als Wellenberge - sehr hoch und oft hintereinander. Mit der Zeit werden die Abstände der Wellenberge kleiner und sie verlieren an Höhe. Nicht „die Zeit" hat geheilt, sondern der Trauernde hat die Zeit genutzt und Heil werden ermöglicht.