TRAUERPORTAL

“Trauer ist das Geschenk der Evolution, um mit dem täglichen Werden und Vergehen umzugehen. In jeder Sekunde des Lebens gibt es Veränderungen. Wir müssen lernen, damit umzugehen, und dazu sind wir mit einer Fähigkeit ausgestattet: Der Fähigkeit zu trauern. Trauer ist die Mutter aller Gefühle. Wenn ich mich bei Veränderungen z.B. wütend, verzweifelt, klagend oder traurig zeige, findet das Grundgefühl Trauer Ausdruck. Diese klare Ausdrucksfähigkeit muss erst über Vorbilder entwickelt werden. Mit der Hilfe von Papa und Mama lernen wir zu sprechen. Zum Trauern aber haben wir im Normalfall keine Hilfe von Mama und Papa bekommen. Für viele ist es ein emotional unbekanntes Gebiet, Trauer zu fühlen und auszudrücken. So werden wir zu „Gefühls-Vermeidungs-Helden“. Menschen mit Trauer-Leitbild-Fähigkeit fehlen uns heute weit und breit.

Dr. Jorgos Canacakis weiß, wovon er spricht. Der Diplompsychologe und Psychotherapeut ist durch Kriegs- und Bürgerkriegsereignisse, aber auch durch Flucht und Vertreibung selbst um seine Kindheit betrogen worden. Er verlor Freunde an die Diktatur, entfloh seiner Heimat Griechenland und baute in Deutschland eine neue Existenz auf. Er gilt als einer der bedeutendsten Trauerexperten und ist seit Jahren ein erfolgreicher Buchautor, Seminar- und Ausbildungsleiter. Wir treffen den lebhaften 72-jährigen in einer Gaststube neben dem Friedhof von Eugendorf.

“In unserer Kultur, die immer depressiver wird, können die Menschen nicht mehr mit Gefühlen umgehen. Wir haben zu tun mit emotionalen Insolvenzen. Neunzig Prozent der Patienten von Ärzten bringen u.a. eine psychosomatische Krankheit und depressive Verstimmungen mit, weil sie seit langem keinen gesunden Ausdruck für ihre Trauer gefunden haben. Da Ärzte in diesem Bereich nicht ausgebildet wurden, erkennen sie sehr oft die Ursache vieler Symptome nicht. Oft glauben wir, unsterblich, ewig jung, schön und unverletzlich zu sein. Das alles stimmt ja nicht. Trotz „Antiaging“ schlittern wir unbemerkt in die Depression hinein. Wenn Trauer nicht durchlebt werden kann, werfen wir unsere wertvollen Gefühle der Depression „zum Fraß vor“. Tun wir das nicht!“ mahnt Dr. Canacakis. „Schätzen wir die Trauer, zeigen wir sie den Mitmenschen und sperren wir sie nicht ins „stille Kämmerlein“, lernen wir ihre Gefühlsfarben kennen. So schützen wir uns vor Depression und machen sie dadurch „arbeitslos“!“Trauer müssen wir fassbar machen, damit wir sie auch „be-greifen“ können. Trauer braucht beides: Fassbarkeit und Zielgerichtetheit. Canacakis wird leidenschaftlicher: „Trauer und Tränen sind nicht gleich Trauer und Tränen. Es gibt aktuelle Trauer, alte Trauer, zukünftige Trauer, Trauer aus der Kindheit, Trauer des erwachsenen Menschen, es gibt persönliche Trauer, Gemeinschaftstrauer, Trauer des Anderen. Wenn ich jetzt traurig bin, dann muss ich unterscheiden können, ob der Erwachsene oder das Kind von damals in mir traurig ist, ob ich über ein Ereignis von jetzt oder damals trauere und ob dieses Ereignis hier oder irgendwann, irgendwo dort stattgefunden hat. Diese Parameter sind von entscheidender Bedeutung, um gesund trauern zu können. Natürlich braucht die Trauer immer Mitmenschen, denen wir sie zeigen können. Trauer ist eine Chance, sie schenkt uns die Möglichkeit, Abschied und Verlust zu akzeptieren. Sie schützt uns auch vor Gefühllosigkeit und ist damit eine wunderbare Prävention gegenüber der grassierenden Depression.“Der Grieche Canacakis zitiert den antiken Philosophen Heraklit: „Panta rhei - alles fließt“: „Daran sollten wir immer denken, denn – wann immer wir gesund mit Veränderungen in und um uns umgehen wollen - brauchen wir eine gut entwickelte Trauerfähigkeit.“