TRAUERPORTAL

Statt „Heilung“ in Pillen und Therapien zu suchen, geht es darum, die mit Abschied und Verlust verbundenen Gefühle anzunehmen und darin eine Chance zur Umwandlung zu sehen.

"Am Anfang habe ich nur geweint, geweint, geweint. Ich konnte den Tod meines Mannes gar nicht begreifen.“ Selma B. schildert, was so viele Menschen in der ersten Phase der Trauer fühlen: Schock, Fassungslosigkeit, das Unveränderbare nicht wahrhaben wollen. „Ich weiß gar nicht, wie ich die ersten Wochen überleben konnte,“ schildert Johann N. diese Zeit. „Irgendwie habe ich alles erledigt, das Begräbnis, die Behördenwege. Irgendwie habe ich nur noch funktioniert.“

 

Das Funktionieren, die Erstarrung, der Schock sind völlig normale Erstreaktionen, um den trauernden Menschen zu schützen. Das Ausmaß des Verlustes ist so groß, dass es nicht auf einmal erfasst werden kann. Die Natur schützt uns, indem sie uns „betäubt“. Das ist ein ähnlicher Mechanismus wie bei körperlichen Verletzungen, der uns den Schmerz nicht so stark fühlen lässt.

Manchmal geht der Schock auch so weit wie bei Hildegard K., die anfangs nicht glauben wollte, dass ihr Sohn bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Sie tat, als wäre nichts geschehen, lebte ihren herkömmlichen Tagesrhythmus und sprach über „den Buben“ so, als wäre er bloß unterwegs und würde bald wieder heim kommen. Die Natur verschaffte ihr eine Atempause, bis sie die Energie aufbringen konnte, um sich dem großen Schmerz und der Trauer zu stellen.

Eine normale Reaktion

Die erste Phase der Trauer ist meist kurz, dauert nur wenige Tage oder ein paar Wochen. Es kommt aber auch vor, dass der Schockzustand mehrere Monate anhält. Die Dauer des Trauerprozesses und der verschiedenen Phasen ist individuell und schwer festlegbar. Der Schmerz kann Monate nach dem Verlust noch stärker sein als zu Beginn. Gerade deshalb ist es wichtig, trauernde Menschen nicht nur in der Anfangsphase zu begleiten, sondern gerade zu späteren Zeitpunkten besonders achtsam zu sein. Für eine gute Bewältigung der Trauer ist es wichtig, dass die schmerzlichen Gefühle ihren Weg an die Oberfläche finden und zugelassen werden dürfen.

Dabei setzen Trauernde oft auch Handlungen, die ihnen und ihrer Umgebung als „nicht normal“ erscheinen. Ganz automatisch wählen die einen die Telefonnummer der Verstorbenen, um ihr eine Neuigkeit zu erzählen. Andere haben das Gefühl, dass der Verstorbene im Raum sei und beginnen ein Gespräch mit ihm. Dorothee A. ist sich ganz sicher, ihre verstorbene Mutter neben sich im Badezimmer gesehen zu haben, und Anton H. wurde die ersten Wochen täglich von seiner Frau beim Einkaufen begleitet.

Wenn die Tagträume so realistisch sind, kann es vorkommen, dass manche Menschen in den Schlaf flüchten, um den Traum zu wiederholen. Andere vermeiden wiederum den Schlaf, da sie sich vor dem bösen Erwachen fürchten. Um anhaltende Schlafstörungen zu vermeiden, ist es in solchen Situationen wichtig, dass wir einen Gesprächspartner haben, mit dem wir offen über das sprechen können, was wir so realistisch „erlebt“ haben.

Trauer ist keine Krankheit, deshalb ist sie auch nicht mit medizinischen Mitteln zu behandeln. Sie kann aber krank machen. Bei ungenügender Verarbeitung drohen körperliche Beeinträchtigungen, aber auch psychische Erkrankungen.

Schlafstörungen, Verdauungsprobleme, Appetitlosigkeit, Verspannungen, Herz-/Kreislauf-Probleme oder Atemnot können körperliche Erscheinungen sein. Überaktivität, Angstzustände, Panikattacken, aber auch Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression können seelische Auswirkungen sein. 

Heftige Emotionen

"Eines Tages bin ich dann in den Wald gegangen und habe mir die Seele aus dem Leib geschrien, so zornig war ich!“ Heide K. ist noch immer erregt, wenn sie an diese Phase ihrer Trauer denkt, als die Emotionen aufgebrochen sind: Schmerz, Schuldgefühle, quälende Sehnsucht, Angst, Wut, Zorn...  Eine Mischung an Gefühlen, die wir bisher oft nicht auszudrücken gelernt haben, dringt plötzlich an die Oberfläche. „Ich war schon zweimal im Krankenhaus, weil ich plötzlich ein unerträgliches Stechen in der Brust spürte,“ schildert der 40jährige Karl H. diese dramatische Zeit. „Dort haben Ärzte festgestellt, dass ich vollkommen gesund bin, dennoch hatte ich Herzschmerzen.“

Weil der seelische Schmerz so groß ist, leidet auch unser Körper. Auch das ist normal, wenn wir uns nicht durch Medikamente, Drogen oder Alkohol, betäuben und so die wichtigen Gefühle unterdrücken. Alkohol setzt das Bewusstsein für mehrere Stunden außer Gefecht, doch gibt es dabei keine Erholungsphasen wie im Schlaf. Wurde der Promillespiegel abgebaut, schreckt man hoch, hat Herzrasen und kann nicht wieder einschlafen. Also betäubt man sich von neuem, und die Spirale dreht sich gefährlich nach unten.

Begleitung ist wichtig

Bei der Begleitung einer „normalen“ Trauerreaktionen sollten Medikamente eher zurückhaltend, möglichst kurzfristig und nur nach ärztlicher Empfehlung eingesetzt werden. Beruhigungsmittel können zwar gefühlsmäßig distanzieren, dämpfen jedoch die Betroffenheit und können bei unkritischer Anwendung den Trauerprozess eher verlängern. Sinnvoller sind eine tröstende Begleitung, kompetente Trauergespräche oder bei Bedarf eine psychotherapeutische Betreuung.

Trauernde fühlen sich oft alleingelassen mit ihrem Schmerz. Der Schein trügt, denn wenn um die 76.000 pro Jahr verstorbenen ÖsterreicherInnen nur fünf Hinterbliebene trauern und die Trauer drei Jahre dauert, sind über 1 Million Menschen davon betroffen.

Ein Tabuthema in der Gesellschaft

Jorgos Canacakis sieht die Einstellung der Gesellschaft kritisch: „Offiziell dürfen wir nur sehr eingeschränkt trauern, nicht in jeder Situation, nicht überall, nicht zu stark und nicht zu lange ist es erlaubt. Trauer ist nicht erwünscht, und wir sind so erzogen, dieses Gefühl vor anderen und in der Öffentlichkeit zu unterdrücken.“

Dem schließt sich Sabine R. an. Die junge Frau hat ihren Mann bei einem Autounfall verloren. Als sie an ihrem Arbeitsplatz – sie arbeitete in einer Boutique – schwarze Kleidung tragen wollte, wurde ihr das verboten. Schwarz sei keine Modefarbe, sei nicht im Trend der Society. Heute arbeitet sie als Kinderbetreuerin. Früher gehörte es zur Tradition, im Trauerjahr schwarze Kleidung zu tragen. Ein Verstoß dagegen wurde von den Nachbarn argwöhnisch kommentiert. Auch das Tragen eines Trauerflors am Mantelkragen oder als Armbinde war gängiges Zeichen trauernder Menschen. Heute findet man solche Kennzeichen kaum noch im Straßenbild. Unsere Gesellschaft ist liberaler geworden, die strenge Etikette hat sich gelockert.

Gleichzeitig geben Trauernde damit  ihrer Umgebung auch keine Chance mehr, auf sie etwas mehr Rücksicht zu nehmen. Wer auf der Straße, im Café oder in der U-Bahn scheinbar grundlos zu weinen beginnt, glaubt eher, als Verrückter statt als Trauernder betrachtet zu werden. Ariane M. ist 74 Jahre alt. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie die schwarze Armbinde, die seit fast zwei Jahrzehnten im Kasten lag, wieder hervor geholt. „Neue gibt es kaum noch, nur in wenigen Spezialgeschäften,“ weiß sie. „Die Armbinde trage ich auch voller Stolz, denn sie zeigt allen anderen Menschen, dass ich meinen Franzl sehr geliebt habe.“ Um ein Zeichen der Trauer zu setzen, hat die TrauerWeile eine schwarze Schleife als Anstecknadel entworfen. So können Trauernde ein sichtbares Zeichen anstecken und dahinter Schutz finden.

Wenn Spuren verblassen

Die einen riechen täglich den Duft der Kleidung im Kasten, andere kochen die Lieblingsspeisen der Verstorbenen, manche gehen zu den Lieblingsplätzen des toten Partners ... Irgendwann spürt man, wie die Spuren des geliebten Menschen verblassen. Das wollen wir nicht sofort zulassen, wir wehren uns und versuchen festzuhalten, was sich nicht festhalten lässt. Die Realität holt uns alle irgendwann ein. Wir erkennen, dass nichts mehr so ist und nie wieder so sein kann, wie es einmal war. Über dieses Suchen und nicht Finden, das sich erneute Trennen, wird langsam der Verlust ins Leben integriert. Der Tod wird allmählich als unabänderlich akzeptiert.

Dabei gibt es jede Menge Fortschritte, aber auch Rückschläge. Kaum glauben wir, dass es uns besser geht, fallen wir wieder in ein tiefes Loch. Was ist geschehen? Durch ein Parfüm, eine Gestalt auf der Straße, den Klang einer Stimme, eine besondere Redewendung, aber auch durch den Ehering oder einen Talisman stellen wir automatisch Assoziationen her, die tief in uns verankert sind. „Ich habe den Ring meines Mannes vom Finger genommen und daraus meinem Enkelkind Ohrstecker vom Juwelier anfertigen lassen,“ erzählt Selma B. ihre Lösung. Und Johann N. hat sich nach einem Jahr ein neues Schlafzimmer gekauft. Er hat es nicht mehr ausgehalten, die leere Betthälfte neben sich zu sehen. Jetzt hat er ein Futon, das zwar etwas niedrig ist, das er sich aber schon immer gewünscht hat.

Alles wird neu

Wenn die Trauer durchlebt wurde – nicht "geheilt“, sie ist ja keine Krankheit -, kommt es zu einer „Umwandlung“, wie es Jorgos Canacakis beschreibt. Neuordnung, Neuanfang, Neuorientierung stehen im Mittelpunkt. 

Wer den Tod akzeptiert, kommt mit dem Verlust immer besser zurecht. Irgendwann kann man loslassen und sich wieder auf sich selbst konzentrieren. Ein neues inneres Gleichgewicht stellt sich ein. Der/die Verstorbene bleibt unvergessen, doch man selbst stellt sich wieder gestärkt dem Leben, hat einen neuen Selbst- und Weltbezug.

In der letzen Phase, am Ende der Trauerzeit, bewegt sich der Trauernde wieder auf die Welt und andere Menschen zu. Neben positiven Gefühlen besteht aber oft auch Angst vor der Zukunft. Je mehr Vertrauen zu sich und seiner Umwelt aufgebaut wird, desto stärker werden diese Ängste wieder abgebaut.

"Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass dies möglich wäre,“ erzählt Elfriede M., doch im vergangenen September habe ich einen ganz lieben Mann kennen gelernt. Wir wissen zwar noch nicht, ob

wir wirklich ein Paar sind, doch verbringen wir fast jeden Tag miteinander.“ Hakan S. war 14 Monate nach dem Tod seiner Frau so verzweifelt, dass er immer häufiger Selbstmordgedanken hatte.

Doch anstatt Antidepressiva zu verschreiben, hat ihn sein Hausarzt auf Kur geschickt. Diese drei Wochen haben ihm und seinem Selbstwertgefühl sehr gut getan. Kräftiger und attraktiver sei er nach Hause gekommen. „Sogar lachen konnte ich wieder.“ Im Schwimmbad daheim wurde er dann von einer Frau angesprochen. „Zwischen uns hat es einfach gefunkt.“

Hans und Rosa P. haben vor einem Jahr ihre Tochter verloren. Die ersten Monate waren schrecklich, ununterbrochen habe  sie an ihr Kind gedacht, waren voll von Selbstvorwürfen. "Irgendwann hat mich dann meine Mutter zur Seite genommen und liebevoll, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass wir noch ein zweites Kind haben, das uns braucht. Wollt Ihr die auch noch verlieren? Das hat uns wieder zur Besinnung kommen lassen.“

Geduld und Zeit

Alle Phasen der Trauer sind nur der wissenschaftliche Versuch, die dabei auftretenden Phänomene zu ordnen und zu beschreiben. Jeder Mensch trauert individuell, und was dem einen hilft, ist für andere unvorstellbar. Die Trauer ist auch kein linearer Prozess, deshalb sind Rückschritte ebenso normal wie die verschiedensten Ausdrucksformen der Trauer. Das Trauerjahr hat dabei nicht nur eine traditionelle, sondern auch eine tiefergehende Bedeutung. Innerhalb des ersten Jahres erleben wir alle großen Ereignisse ohne den verstorbenen Menschen: Geburtstag, Namenstag, Hochzeitstag, Weihnachten, Ostern, Todestag usw. Wir spüren, wie es sich anfühlt, allein zu sein, und wir lernen, mit diesen Empfindungen umzugehen. Zuvor fürchten wir uns noch, doch wenn wir diese  schlimme Zeit, diesen besonderen Tag erfolgreich durchlebt haben, erkennen wir, dass wir auch solche Situationen gut meistern können.

Wer ein Trauertagebuch schreibt, kann nachlesen, wie er sich zu Beginn der Trauer gefühlt hat, und erkennt die Veränderung. Wir merken, wie wir uns weiter entwickeln, wie sich unser Leben neu orientiert, wie sich wieder die Normalität des Alltags einstellt. Das kann nicht erzwungen werden, das braucht seine Zeit. Die Trauer dauert eine Weile.