TRAUERPORTAL

Wie gehen Kinder mit dem Tod eines nahestehenden Menschen um? Und wie können sich Erwachsene als Vorbilder präsentieren?

Daniels Opa ist im Dezember gestorben. Herzinfarkt, plötzlich. Am Wochenende hat er noch mit seinem Enkel gespielt, jetzt kommt er nie mehr wieder zu Besuch. Wenn Erwachsene das Unfassbare des Todes nur schwer begreifen können, wie sollen dann Kinder damit umgehen? Wie trauern sie? Was gibt ihnen Trost?

 

Kinder orientieren sich an Vorbildern, deshalb ist es das Wichtigste, dass Eltern, Großeltern und andere nahestehende Menschen mit gutem Beispiel voran gehen und ihre Trauer zulassen, auch wenn es ein natürlicher Reflex ist, Kinder vor Gefahren und Schmerzen beschützen zu wollen. Damit versuchen Erwachsene auch, ihren eigenen Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Darüber reden hilft beiden. Vor falscher Rücksichtnahme sei gewarnt. Im normalen Tagesablauf muss Platz für die Trauer sein. Falsch wäre es, wenn Eltern aus unbegründeter Rücksicht auf das Kind ihre Trauer unterdrücken oder Gefühle vortäuschen. Dadurch lassen auch Kinder aus Rücksicht auf die Eltern ihre Gefühle nicht zu. Denn Kinder haben ein feines Gespür für Vater und Mutter. Wenn diese versteinern, werden sich auch Kinder ihren Gefühlen verschließen. Wenn Eltern hingegen ihre Tränen offen zeigen und ihre damit verbundenen Gefühle beschreiben, können Kinder mitfühlen. Gemeinsam kann die Trauer ausgelebt werden.

Mut zur Offenheit

Wichtig ist, dass man auf die Fragen und Bedürfnisse der Kinder eingeht und dabei natürlich deren Alter berücksichtigt. Kleine Kinder haben noch keinen Todesbegriff, erkennen aber da sein und weg sein. Den Unterschied kann man ihnen zeigen, indem man z.B. ein Streichholz anzündet und wieder ausbläst. Dabei sollte der „Tod“ offen beim Namen genannt werden. „Notlügen“, die z.B. den Opa nicht sterben, sondern in ein fernes Land auswandern lassen, erzeugen im Kind das Gefühl des Verlassenwerdens. Statt Versöhnung können bleibende Vorwürfe und Trennungsängste entstehen.

Es hilft den Kindern auch nichts, wenn „tapfere“ Eltern erzählen, dass es dem/der Verstorbenen jetzt gut geht, weil er/sie im Himmel, bei Gott oder auf einer Wolke sei. Solche Bilder geben Trost, doch muss auch Platz dafür sein zu sagen: „Trotzdem sind wir traurig. Dennoch fehlt uns dieser Mensch. Und darum weinen wir.“

In vielen Familien wird diskutiert, ob Kinder an der Trauerfeierlichkeit teilnehmen sollen oder nicht. Grundsätzlich sollten sie davon nicht ausgeschlossen werden, denn auch sie brauchen Rituale des Abschiednehmens. Wichtig ist, dass ihnen im Vorfeld erklärt wird, was beim Begräbnis passiert und wozu die Zeremonie dient. Kinder können sich nicht vorstellen, was beim Begräbnis abläuft. Deshalb fragen sie auch: Wo ist der Opa jetzt? Was passiert jetzt? Warum wird das gemacht? Auf solche Fragen brauchen Kinder eine Antwort. Die schlechtesten Reaktionen wären, ihnen mit einem scharfen „Pssst!“ das Wort zu verbieten oder zu sagen: Dafür bist du noch zu klein.

Es kommt auch darauf an, welche Atmosphäre Kinder bei der Beisetzung erwartet. Erstarrte Eltern, die ihre Umgebung und ihre Kinder nicht mehr wahrnehmen könne oder aufgelöste Verwandte sind wohl nicht die richtige Orientierung.

Nur böse Menschen sterben

Zwischen drei und fünf Jahren entsteht allmählich ein erstes Bild vom Tod, wobei sich der eigene Tod der Vorstellungskraft des Kindes entzieht. Es sterben nur alte und „böse“ Menschen. Zur Aufklärung sind

Gespräche wichtig. Das Kind ist neugierig, sucht nach Antworten auf viele Fragen  und glaubt andererseits, sich vor dem Tod verstecken zu können. Der Tod eines Haustieres – oft sogar stärker beweint als die tote Oma - hilft zu verstehen, dass auch die "Guten“ sterben.

„Kinder leben im Augenblick, deshalb ist es für sie auch ganz selbstverständlich, dass sie in einem Moment traurig sind und weinen und im nächsten schon wieder spielen, lachen und unbeschwert agieren“, schildert der Seelsorger Peter Kai, der das Kinderhospiz „Sterntalerhof“ leitet. „Einen solchen unbeschwerten Umgang mit der Trauer würde ich auch vielen Erwachsenen wünschen. Die Reaktionen der Kinder sind ganz natürlich und sollten daher auch nicht von den Eltern getadelt oder verboten werden.“

Malen und Zeichnen sind für Kinder kreative Ausdrucksformen, um das Geschehen um den Tod und die Beerdigung darzustellen und zu verarbeiten. Eltern können sich anschließend das Bild erklären lassen und Fragen stellen: „Wie meinst Du das? Was bedeutet das?“ So kommt man ins Gespräch.

Der Tod ist keine Strafe

Zwischen sechs und acht Jahren beginnt die personifizierte Vorstellung vom Tod, z.B. in Gestalt eines Engels, eines Gerippes oder des Sensenmannes. Ab neun Jahren werden nicht nur die sichtbaren Ereignisse rund um den Tod, wie Grab oder Begräbnis, sondern allmählich die Gesamtheit seiner Auswirkungen wahrgenommen. Der Tod wird dabei oft als Strafe für das angesehen, was der Verstorbene, aber auch das Kind glaubt, getan zu haben.

Oft fühlen sich die Geschwister von krebskranken Kindern in der Pflegephase zurückgesetzt. Vielleicht haben sie früher sogar dem anderen heimlich und nicht wirklich ernsthaft den Tod gewünscht“. Stirbt der Bruder oder die Schwester, glauben sie in ihrem magischen Denken: Ich bin schuld daran! In solchen Situationen braucht das Kind besondere Zuwendung, Verständnis und Liebe. Wichtig ist, dass die Todesumstände offen geklärt werden und das Kind die Gelegenheit erhält, über seine Ängste und Sorgen zu sprechen. So können Kinder von ihren Schuldgefühlen befreit werden.

In der Praxis ist das nicht leicht, vor allem dann, wenn die Eltern vom eigenen Schmerz überwältigt sind und sich dem Kind nicht voll widmen können. „Ich habe schon Kinder mit so großen Schuldgefühlen getroffen, dass diese konkrete Suizidgedanken hatten,“ erinnert sich Peter Kai. In solchen Situationen ist die Umwelt besonders gefragt – LehrerInnen, Großeltern, Eltern von Freunden, Musiklehrer usw. Anzeichen können sein, dass das Kind stiller wird, sein Verhalten, seine Essgewohnheiten ändert. Die schulischen Leistungen lassen nach, Konzentrationsschwächen können auftreten. Kinder können aber auch aggressiv zu sich und zu anderen reagieren. „Disziplinierungsmaßnahmen und eine strenge Hand helfen da gar nichts, jetzt braucht das Kind viel Liebe und Verständnis,“ rät Peter Kai.

Ein geregelter Tagesablauf

Auch wenn es den Eltern oft schwer fällt und sie die eigene Trauer lähmt, brauchen Kinder die Sicherheit eines möglichst geregelten Tagesablaufes. Essenszeiten, Spielzeiten, Hausaufgaben, Geschichten ... alles sollte möglichst so wie immer stattfinden. Diese Stabilität tut Kindern und Eltern gut. Soll die Trauer als normal erlebt werden, muss sie auch in den normalen Tagesablauf eingebettet werden. Kinder nehmen sich automatisch ihre Trauerzeiten, doch wollen sie auch den normalen Alltag leben, der Sicherheit gibt.

Heftige Reaktionen

Heftige Gefühlsausbrüche, Zorn und Wut, Verlust- und Trennungsängste, begleitet von körperlichen Symptomen wie Kopf- und Magenschmerzen oder Schlafproblemen können den Trauerprozess von Kindern begleiten. Plötzliches Bettnässen ist ebenfalls möglich. Auch hier hilft kein Schimpfen, sondern das Gefühl der Geborgenheit. Durch eine offene Atmosphäre dürfen all diese Reaktionen ihren Platz haben, wobei Liebe und Verständnis das notwendige Vertrauen schaffen.

Kinder wollen ihren Eltern gefallen, deshalb ahmen sie deren Verhalten auch nach oder sie entsprechen deren Erwartungen. Ein „braves“ Kind kann in der Trauer leicht zu einem werden, das sich anpasst, die eigenen Bedürfnisse unterdrückt und so wie die Eltern die Trauer unterdrückt. Verbote, Strafen, Drohungen schränken das Kind ein, was zu einer nachhaltigen Schädigung führen kann. Doch auch das Aufzwingen von Gesprächen kann Schaden anrichten. Eltern sollten ihren Kindern vertrauen, sie achten besser auf ihre Bedürfnisse als Erwachsene.

Der Wunsch nach Normalität

Kinder haben den Wunsch, "normal“ zu leben. Deshalb wird der Tod auch als außergewöhnliches Ereignis erlebt, das anfangs nicht benannt, aber gezeichnet oder der Puppe erzählt werden kann. Indem Kinder ständig zwischen ihren Gefühlswelten wechseln können, verarbeiten sie die Trauer im alltäglichen Rahmen. Sie wird somit selbstverständlich durchlebt, ist Teil des normalen Lebens und kann darin jederzeit mit den Eltern besprochen werden. Dadurch erhält der Tod erst gar keinen Schrecken, sondern wird zur Selbstverständlichkeit, der man gut begegnen kann.

Daniel kann und darf seine Gefühle unmittelbar ausleben. Er trauert dann, wenn es ihm am besten passt. In solchen Augenblicken braucht er jemand, der zuhört und Fragen offen beantwortet. Seine Eltern können mit seinen plötzlichen Stimmungsschwankungen gut umgehen. Sie wissen, dass die Zeit auch für Daniel schwer ist, doch ist es ihm zumutbar, seinem Alter entsprechend zu trauern und darüber Gespräche zu führen. Falsche Rücksichtnahme würde seine natürlichen Fähigkeiten nur einschränken. Tag für Tag wird es besser, und Daniel lernt, seinen Opa loszulassen, ohne ihn dabei zu vergessen.